rot- diese farbe hat mich immer besonders fasziniert, es ist ein rot, welches man in europa als rotschattierung nicht kennt , es sei denn, man liebt asiatische filme oder japanische theaterkunst…
da ich dir eine farbe beschreiben möchte , die nicht geläufig oder neu ist, wäre es einen versuch wert, meine empfindungen oder assoziationen für dieses rot zu erklären. es ist ein philosophischer versuch und ein intuitiver dazu.
rot – schimmerndes licht , feuer , purpurerde, sonne…wie kann man farbe beschreiben? wie erklärt man farbe . meine intensivsten erfahrungen mit farbe habe ich auf reisen gemacht, wenn man zum beispiel gerüche und farben, die einem fremd sind, miteinander verknüpfen lernt. gerade bei exotischen früchten, da sind manche gerüche doch sehr neu. oder wenn man über einen gewürzebasar geht und die farbenfrohe palette der pulver, kräuter und gewürze mit der vielfalt der farben kombinieren lernt. safran, das sonnengelb eines frühlingsboten ist eigentlich ein wundervolles rot, intensiv und voller geheimnisse…
dieses rot , welches ist meine , heißt BENI, das ist eine farbe,die aus diesen krokusfäden gewonnen wird , safran ist diese pflanze , die den farbstoff für BENI lieferte, und zum färben von kimonostoffen verwendet wurde . diese krokuspflanze gibt es nicht mehr in japan in der freien natur , sie ist ausgestorben … sie musste gemüseäckern weichen, reisfeldern oder obstbäumen.
also spreche ich im doppelten sinn von etwas , was man nicht kennt – und trotzdem bin ich mit dieser farbe so intensiv in berührung gekommen, das sie bis heute nachhaltig eine tiefe erfahrung hinterlassen hat.
es ist eine erfahrung, die ich eigentlich nur mit älteren japanern teilen kann, die noch alte seide in diesem rot besitzen…. ich sage BENI und sie wissen genau , was ich meine.
es ist auch das rot der theaterschminke, die auf dem weissgepuderten gesicht eines kabuki-schauspielers das feuer seiner blicke unterstreicht, welche er wie in die zuschauermenge in immer größer züngelnden flammen verteilt, oder auch der zierlich geschminkte mund , der wie zum kuß gespitzte lippen inmitten diese weissen puderschnee’s verschwiegene worte in den raum flüstert.
doch beni hat für mich noch eine andere dimension angenommen. unter den kimono’s der frauen verborgen trägt man die versteckte erotik in form eines beni-gefärbten unterkleides… nicht sichtbar für andere; seide , die ganz nah am körper leidenschaft und trauer, furcht und kopflosigkeit , euphorie und trägheit bereithält, und das nur darauf zu warten scheint , daß es sich zeigen darf. ausbrechen sozusagen.
beni, das ist eine erfahrung, die mich aus einer erstarrung weckt, aus der scheinbaren ruhe etwas lebendiges werden lässt. ich meine nicht die farbe, die unseren augen wie ein signal sofort optisch wahrzunehmen ist, also die farbe, die so laut schreit, das man sie nicht überhören kann. Nein. das ist es nicht.
mein beni hat etwas von einem duft, wie ein heiters lächeln; hat etwas von einem tag, der ohne weiteres zutun schön ist. und selbst, wenn etwas unvorhergesehenes geschähe, dieses beni, dieser duft, dieses lächeln würde es ausgleichen, diese beni würde es übermalen.
das klingt ein bisschen bizarr, ich weiss. wie kann diese farbe , dieser duft so tief in meine seele eindringen und alles andere vergessen machen? es ist etwas einfaches, wesentliches, dieser rote duft, der einfach da ist und mich trägt und hält und doch im gleichen moment auszehren kann.
wenn ich die augen schliesse, ist mir, als stünde die welt auf der anderen seite, mit dem innersten nach aussen gekehrt, ich bin diesem plötzlichen ausbruch des verschlossenen, versteckten magma’s ausgeliefert und spüre in diesem rotglühendem gestein diese schwere, wahnsinnige last und doch auch eine lastlosigkeit.
magna. lava, schwefelgeruch , dieser geruch, der flüchten lässt, weil er nicht gutes verheissen mag… und trotzdem zieht es mich an, dieses traumbild aus einem tiefen, brodelnden rot, das aus dem herzen der erde kommt, an die oberfläche dringt , sie auseinanderbricht und sich über alles lebendige ergiesst.
auch diese rot zieht in mir vorüber, wenn ich an beni denke, dieses sichtbare lichttragende rot .
wie kann man einen zustand, ein gefühl, eine situation durch eine farbe ausdrücken? Hier beginnen sich grenzen abzuzeichnen, grenzen im bereich eines ganz realen, existenziellen, und das des dahinter….
was verbigt sich hinter einer farbe, hinter dem lichtschein von rot. was verbirgt sich hinter einer farbe, die für manche nicht sichtbar sein kann? hinter geschlossenen augen wird uns das ausmass am verlust eines sinnes gewahr. etwas reales, eine farbe tritt aus dem schatten der erklärungen hinein in die dunkelheit eines augenblickes.
wird eine farbe zum trugschluss? eine realität, die nur in unserem inneren auge , also in der dunkelheit , hinter geschlossenen lidern eine tiefere, seelische dimension annimmt. sind die bunten flitterpunkte, die unter unseren geschlossenen augenlidern hüpfen, nur ein trugschluss, oder ist es eine fühlbare farbe , die sich bis zum inneren eines körpers hinabgräbt und dieses fühlbare rot als lautlose aber leidenschaftliche sprache nach aussen tragen kann- sichtbar in bewegung, spürbar in berührung und erfahrbar als duft?
und da ist wieder dieses rot der schminke, dieser mund auf dem weissen gesicht des schauspielers, da ist wieder dieser lautlose ruf in die welt, dieses schweigen. die worte , dinge zu beschreiben, die man nicht beschreiben kann, verlieren sich in umschreibungen, auch das farbe sich ja widerspiegeln könne in leidenschaft und auch in zaghaftigkeit .
in nuancen und lichtbrechungen kann man die verschiedenheit von heller und dunkler erkennen, doch wie umschreibe ich die winzigen kerzendochte, die sich im ringen um die kleine flamme abkämpfen, um sich im widerschein der dunkel abhebenden wand zu sehen…
zwischen den worten scheint das rot , mein beni, verloren gegangen, scheint es, als entzöge es sich mir , weil ich ihm vielleicht zu nahe komme mit all dem innersten, was sich damit nach draussen kehrt.
und doch- rot ist überall, wohin ich blicke. hinter den steinschichten der felsen, rot ist der unendliche raum der jahrhunderte, der raum, der sich im erkalteten stein versteckt. rot erhält namen und ein gesicht. diese farbe hat sich mit genähert, dieses rot , welchesaus der wildnis eines feuerspeienden berges auf uns zurollt, dass sich in eigenen bahnen und in seinem eigenen rhythmus einen weg sucht , langsam gestalt annimmt und dann als zeitenüberdauernder stein liegenbleibt.
beni ist immer noch die neugier, die mich inneren abgründen entgegentreibt , wo ich vorsichtig einen fuß vor den anderen setzen muß , um mit innerer, zitternden glückseligkeit festzustellen , dieser tiefe vorerst entkommen zu sein.
diese farbe ist mein empfinden, ist mein inneres kleid , ist mein geheimnis und meine offenheit, ist ein rätsel, welches ich selbst nie lösen kann.
und so geschieht es zuweilen, daß , wenn ich meinen roten, über 100 jahre alten benibefärbten kimono trage , ich ganz und gar mit dieser farbe verschmelzen kann.
Phantastisch, dass es jemanden gibt, der auch so wie ich und doch auch anders, rot beschreibt, rot sieht, rot liebt.
Danke für die Farbe und die Worte.
Kommentar von MariA — September 19, 2007 @ 7:04
hallo mariA , vielen dank für deine worte….ich habe diese reisenotizen in andere länder und damit natürlich auch zu mir selbst oft an der intensität von farbe gemessen. rot ist eine farbe, die meine leidenschaft der erforschung und dem suchen nach dem sinn des lebens entlang an den grenzen des seins entgegenkam. ich vermute, du weisst, was ich meine…. es sind kurze momente, sequenzen, die einem die augen öffnen und man sich selber gewahr wird.
mein langer aufenthalt in japan beglückte mich mit diesem beni…und fast, als würde sich ein kreis schliessen, entdecke ich eine wundervolle ausstellung 2002 in NY zum thema rot…schön, das du ab und zu mal hier reinschaust. ich habe deine seite entdeckt… wundervolle notizen und tiefe gedanken… das berührt mich . danke MAR
Kommentar von silkandpaper — September 21, 2007 @ 6:10
Rot ist die Farbe der Wärme und des Wohlbehüteten, es passt einfach zu dir! Tolle Seite
Kommentar von Lalezar — November 29, 2007 @ 11:26
vielen dank lalezar
Kommentar von silkandpaper — November 30, 2007 @ 6:26