Silk and Paper

April 10, 2009

leere und fülle

wald-zeichnung

lieber freund, dein name als pseudonym für alle , die in dieser ecke des blogs lesen, hat nunmehr einige jahre überdauert- und schön, das du noch auffindbar bist… der kurze gedanke als splitter eines fast vergessenen refugiums , des briefeschreibens mit dem zwecke des nachsinnens um dinge, die etwas mehr bedürfen, als nur das aussprechen oder des zurückbleibens eines fragezeichens; wie die frage nicht unbedingt einer antwort bedarf, weil sie selbst schon antwort ist.
und doch raubt manche frage den wörtern beim aussprechen jeglichen inhalt, weil das was, wie, warum nur eine fixierung ist von etwas abstrakten. des öfteren sogar kehrbilder dessen, was man sagen will . das schöne an dem aussprechen ist, das es sich aus einer gedankenwelt heraus zu etwas wandelt, was man fast anzufassen könnte- ein ding ohne dinghaftigkeit , und doch eine wirklichkeit, die freischwebend über allem stehen kann, weil sie dem, was noch kein ausgesprochenes wort ist, eine möglichkeit gibt, sich dem dinghaften anzunähern.

zeit ist, wie wir schon seit jahren darüber debattieren und philosophieren, etwas, was dinghaft daherkommt, ja fast wesenhaft; wir geben der zeit raum und begrenzung, indem wir sie zu stückwerk verarbeiten, zu tagen, wochen, jahre und sekunden, momente- und doch ist sie nur ein provisorium , die uns eine fragile heimat zusichert…
der einfache alltag in seiner manchmal erdrückenden einfachheit geht an die substanzen- oft meint man, das der höhere sinn des seins in dieser ständigen wiederkehr verloren ginge, und dabei ist es gerade diese einfachheit der wiederholungen, die alle strukturen des lebens an sich jeden tag für uns erfahrbar und erkennbar macht. egal was wir tun, selbst wenn man alles unvorhergesehene als außerkraftsetzen des eigenen lebensentwurfes bestätigt wissen wollen; es ist nur das ein kurzes moment, der uns zum nachdenken zwingt , und wir dennoch das triviale tun –
das triviale, was uns davor schützt, unaussprechliche wortgebäude fürs dasein zu konstruieren, denn nichts anderes ist es, das dasein… eine zeiträumliche , unser denken begrenzendes provisorium …
das einfache im alltag, das wesenhafte der dinge, das benennen von gegenständen, die wir berühren, sind vorstufen zum sein, welches vom da-sein bis zur vollendung geführt werden.
geht etwas zu bruch , ist es nicht mehr… so glauben wir zumindest , und wir brauchen diese splitter und scherben nicht unbedingt…

dasein und sein sind abstrahierungen, die wir uns zugestehen in dem glauben, das beides dasselbe sei. und dabei macht man doch tagtäglich ganz andere erfahrungen, die zwar das dasein , auch das der dinge begrenzt relativieren und somit benennbar machen , aber das sein als geheimnisspendendes ewige beunruhigt uns und glaubt uns wissen zu machen, das wir in dieses ewige ganz und gar eingehen, verschmelzen, wenn das dasein endet.
eine kurze zeitspanne –und doch angefüllt von daseiendem und auch dem abwesendem …so ist dieses halbe jahr , das ich hatte, um der noch heimatlosen neuen wohnung meinen atem einzuhauchen.
als ich die decke meiner wohnung anstreichen wollte , rieselte das stroh und der putz auf mich hernieder und mit allerlei werkzeug und meinem tun habe ich mir das dach über dem kopf repariert. dort etwas und da etwas, und die zeit schmolz zusammen und es war “arbeitszeit” kaum freizeit, die mir blieb.
langsam aber sicher kommt die zeit, wo ich wieder etwas mehr zeit aufbringen kann , mich auch wirklich umzuschaen und die gegenstände und möbel, die situationen und erinnerungen an altes wieder ihren ursprünglichen namen erhalten: heimat für die heimat in mir selbst…

es fehlte zuweilen an gestaltenfülle, an der nahrung , die eine gute tasse kaffee zum kaffee macht- die kaffeehäuser, wo man sitzen, zeitung lesen und palavern kann, so recht aus dem stegreif , und dann gehen einem manchmal die gedanken durch, wenn der kopf raucht . nirgends habe ich diese lust am so garnicht sinnfreien schwatzen erlebt , als in der alten habsburger monarchie. ich erinnere mich an den kaffee nach dem guten essen. mein vater hat ihn immer getrunken, dessen familie hat diesen brauch aus der alten donaumonarchie bis ins heute bewahrt.
doch nach den momenten der zerrissenheit und des erkennens von verlusten , zwischen kindheit und dem umherziehen in fremden städten , zwischen dem hinüberretten von familieren bräuchen, blieben nur bruchstücke erhalten, die aus alt neu machen können, wenn man die fragmente wieder in eine brauchbare form bringen kann.

bräuche haben es etwas heimatliches an sich, so denke ich zuweilen. mich deucht, ich hatte mal so etwas ähnliches schon gesagt, deshalb wiederhole ich mich hier nicht.

bräuche – braucht man und so allerdings schlägt es wieder den bogen zum neuen heim, welches langsam wieder zu dem wird, was es in der alten wohnung war….
es ist paradox, doch der sinn des “verlassens der heimat” als verlust zu empfinden , ist nicht wahr. wie schon an anderer stelle es immer wieder durchscheinig wird- “heimat” ist man doch immer selbst. anfangs scheint es, das man beim verlassen des vertrauten fast so trauert, wie um einen menschen, und wenn ich daran denke, wie sehr mich damals die schiefe tür meines badezimmers an die familie sahin (s. türkische Impressionen )  erinnerte, an ihr zweites zuhause , oder besser an ihre neue heimat…

wie das triviale auf gegenstände und situationen zielt ( denn triviales muss einfach sein…) um sich nicht im dschungel entglittener gedanken wiederzufinden ; dann ist es wohl eine wahrheit, die man im seinsprozeß macht: abschiede sind das vorübergehende reduzieren der wirklichkeit. sie sind eine kurzfristige bedeutungsschwere trauer, die , wie hier zum beispiel, die heimat in eine begrenzung zurückwirft.
hier die tür , die für das eintreten und hinzukommen einer ganzen familie stand – und doch nur eine zeitsequenz sein kann für 15 jahre lebens in der alten, und nun auch von mir verlassenen wohnung. da auch das rattern und vibrieren der u-bahn, die symbolisch für das immerwährende kommen und gehen stand, für menschen, die unwissentlich durch mein leben hindurchfuhren …

das diese erinnerungen mehr als bloße ästhetisch-anmutende darbietungen meines lebens sein müssen, mehr als grenzhaftes, welches sich auf jahre festlegen lässt, erfahre ich nun wieder neu.

mag sein, das es der frühling mit der erneuerung von immerwährendem leben wiederum einen flüchtigen blickwechsel erlaubt mit den dingen , die man verloren, entschwunden oder versteckt glaubt, aber die wirklichkeit der jahreszeiten , ihres einfachen daseins , welches das menschliche sein in hochgefühle und lebensfreude katapultiert, sie macht, das sich die vermeintliche leere wieder füllt.
fast bin ich geneigt zu sagen, es sei das helle, gelbe licht, welches sich wie der sorglos-anmutende schleier einer braut über alles noch winterliche legt; aber es ist eigentlich der schatten, die tanzenden linien der äste eines baumes, die vom licht künden. wäre der schatten nicht, würde ich das licht nicht erkennen und auch nicht benennen können.
das einfache, das eigentlich immer vor unseren augen seiende ist es, was dem leben jede doppelsinnigkeit nimmt und das sein klar umschreiben.
es ist nicht an magisch heraufbeschworenen bedingungen gebunden , nicht ans rätselhafte oder unsichtbar verworrene, wie die wurzeln jenes baumes , es ist einfach da. das was, warum und wie wird unwichtig
benennen muss es nicht . man muss es nur sehen.

 

MAR 2008

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