Silk and Paper

Januar 31, 2009

andersWO gehen menschen zum ball

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gegen den Krieg , überall

Solch ein Sternenregen in den klaren Nächten,
welch ein Licht, das Städte in den Schimmer taucht,
und ein Mond, der uns fast zu Füßen liegt…

Ein Anbeginn, ein neues Jahr; ein Klopfen an Türen,
ein freudiger Aufschrei und überraschende Gesichter,
und ein Umarmen, weil man sich Gutes wünscht…

Welch ein Sternenregen in den klaren Nächten,
ein Geruch von Feuer , Feuerstellen aus Stein und Mensch ,
deren Flammen hoch zum Himmel schlagen…

Ein Anbeginn, ein neues Jahr, wo man sehnt…
Ein Aufschrei und solch entsetzte Gesichter ,
ein Umklammern, sich nicht verlieren, leben wollen.

Welch ein Sternenregen in der letzten Nacht des Jahres,
Ich schließe die Fenster und bin sehr leise,
den Flammen schlagen durch den Körper und verbrennen mich.

Anderswo gehen Menschen zum Ball, schmücken sich,
legen ihr Gesicht zurecht für die Kamera und
werfen ihre Locken verzückt dem Spiegel zu…

In der Einkaufsmeile hängt noch ein warmer Mond,
das gelbe Licht eines Blumenbasars und Sterne
an den Scheiben, in denen man sich spiegeln kann.

Welch ein Sternenregen in diesen kalten Nächten!
Die Blitzlichter schlagen bunte Brücken und ein Teppich,
rot, für feine Leute und solche, die sich zum Starlet wünschen…

Wie wundervoll und heiter, dieser letzte Abend…
Und Erinnerungen an noch nie gekannte Tage lassen
die Menschen schwelgen und uns mitteilen…

wie dieser Sternenregen im geborgten Reichtum
sie zu besseren Menschen macht und auch bekunden,
das man Urteilen und Richten muss über andere,

deren Blicke zum Sternenhimmel gehen und in Scham
und Entsetzen jeder Feier entsagen , sondern
mit anderen mitleiden und mitklagen in dieser Nacht.

Welch ein Sternenmeer in kalten Winternächten, ein
Funkeln in leeren Häusern, die keine Bälle kennen und
Keinen roten Teppich oder Kamerablitzen für…

sich selbstfeiernde Menschen, die am nächsten Morgen
die Zeitung beiseite legen und sagen : schön war’s!
aber morgen… morgen sagen wir mal den anderen,

was man besser machen kann und wie Gutsein funktioniert,
anderswo; dort wo man sich Wochen,Monate, ein Leben lang
vor kalten Sternennächten und dem hellen Mond fürchtet.
MAR 2009

 

Üç dil- drei SPRACHen

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 8:36

 

 

 

Üç dil

En azından üç dil bileceksin
En azından üç dilde
Ana avrat dümdüz gideceksin
En azından üç dil bileceksin
En azından üç dilde düşünüp rüya göreceksin
En azından üç dil
Birisi ana dilin
Elin ayağın kadar senin
Ana sütü gibi tatlı
Ana sütü gibi bedava
Nenniler, masallar, küfürler de caba
Ötekiler yedi kat yabancı
Her kelime arslan ağzında
Her kelimeyi bir bir dişinle tırnağınla
Kök sökercesine söküp çıkartacaksın
Her kelimede bir tuğla boyu yükselecek
Her kelimede bir kat daha artacaksın

En azından üç dil bileceksin
En azından üç dilde
Canımın içi demesini
Kırmızı gülün alı var demesini
Atın ölümü arapadan olsun demesini
Keçiyi yardan uçuran bir tutam ottur demesini
İnsanın insanı sömürmesi
Rezilliğin dikâlâsı demesini
Ne demesi be
Gümbür gümbür gümbürdemesini becereceksin

En azından üç dil bileceksin
En azından üç dilde
Ana avrat dümdüz gideceksin
En azından üç dil
Çünkü sen ne tarih ne coğrafya
Ne şu ne busun
Oğlum Mernuş
Sen otobüsü kaçırmışbir milletin çocuğusun

 

Von : Bedri Rahmi Eyüboğlu

 

 

Drei Sprachen

Du musst mindestens drei Sprachen sprechen
Mindestens drei Sprachen.
Wie ein Seemann musst Du schwören
Mindestens drei Sprachen musst Du kennen.
Mindestens drei Sprachen brauchst Du.
Zum Träumen und zum Denken
mindestens drei Sprachen
Eine ist die Muttersprache
Sie gehört zu Dir wie Dein Arm
und dein Fuß
Süß wie die Muttermilch
Frei wie die Muttermilch
Dann sind noch Deine Krabbelreime, Märchen und Schwüre

andere sind fremd wie ein Hahn in Hühnerhaus
Jedes Wort in eines Löwen Mund
Wort für Wort gräbst Du aus .
Mit Deinen Fingernägeln und Zähnen, bis die Steine blutig werden.
Mit jedem Wort steigst Du einen Backstein höher.
Mit jedem Wort wächst Du ein Stück höher.

Mindestens drei Sprachen ,die Du kennen musst
In drei Sprachen mindestens solltest Du wissen
zu sagen, meine Liebste .
Zu sagen, nie eine Rose ohne Stachel .
Zu sagen, ein Schaf könnte auch gehängt werden wie das Lamm
Zu sagen, es ist die Prise Unkraut, die einer Ziege die Geliebte vergessen lässt.
Zu sagen, das ist die größte Schande
wenn man andere benutzt.
Um Himmels willen, vergiss gesagte Dinge !
Du musst wissen, was Lärm macht wie ein Donner
Du musst mindestens drei Sprachen kennen
Zumindest in drei Sprachen
musst Du schwören können wie ein Seemann
Mindestens drei Sprachen
Weder bist Du Geschichte noch Geographie
Auch dies und das noch ,
meine kleine Mernuş :
Du bist das Kind von einer Nation, die den Bus verpasste.

Übersetzung copyright MAR

 

Fotografien II

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 6:50
 

 
Illusionen ,

Brücken im Uferlosen.

Versiegende Wasserfälle rinnender Zeit.

in einem Zimmer…

und mit großen Augen

und verstörenden Blicken…

Über den Rahmen hinaus

in die Kulisse des Heute schauend,

entspringen ganze Familien

in das Erstaunen hinein,

das noch immer

Bedeutungen im Nippes aufbewahrt,

zum Tanz zwischen den Worten auffordern.

Wie in Metaphern

reduziert sich das Vergangene

auf den bäuerlichen Tanz

auf einer schwarz-weißen Wiese

die sich plötzlich in der Leere verliert.

Aus ihr schöpft sich der Gedanke

an das Unendliche

in dem sich der Sinn erschliesst,

warum Narratoren

immer aus dem Rahmen fallen,

wenn sie die Worte in der Geschichte verteilen

auch Illusionen leben immer weiter… (mehr…)

MOMENTane erkenntnis

Gespeichert unter: philosophische FRAGMENTe — silkandpaper @ 6:11

…fast zwei Jahre ist es her, das ist eine lange Zeit , würde man es an unseren Empfindungen messen; eine kurze Zeit, würden wir die Endlosigkeit als Zeitmesser sehen. Wer je  gedacht, das sich nach anfänglicher Scheu, immer mehr und mehr Menschen sich diese Seite anschauen , und wenn ich sehe, wieviel Gedanken um die Tiefe und Bedeutungsschwere der Worte kreisen, wenn mir jemand Briefe schreibt,  gibt mir das Hoffnung, daß das Schöne der Sprache nicht nur wegen ihrer Ästhetik wiedergegeben wird, sondern weil die Schönheit der Sprache auch all das Schöne wiedergeben kann, was wir Betrachter sonst nur auf visuellem Wege erfassen.
Schönheit des Menschen ist ja , so irritierend aus auch klingen mag, etwas Oberflächliches.

Ich halte mich mit dieser momentanen Erkenntnis an dem Erleben mit der Literatur fest, an der stillen Besitznahme von Worten. Denn Oberflächliches ist etwas, was sich verändern kann, wenn die Zeit darüber streicht …

Immer wieder unterhalte ich mich mit Menschen über die Sprache , im Versuch, was wir tagtäglich benutzen , wieder mit Kinderaugen zu sehen, oder als etwas, obwohl es davonfließen kann, Bestand im Geschriebenen zu sehen.
Seither ist die Zeit durch uns hindurch, hat sich niedergelassen , hat Begegnungen zugelassen und Worte konserviert in unseren Gedanken.

Mir kommen in der stillen Zeit des Winters immer wieder Gedichte in den Sinn, die als schwarze Buchstaben schon auf Papier gebracht, im Regal darauf warten, wieder gelesen zu werden . Diese Verse sind eine stille Sinfonie, eine Huldigung an das Leben an sich, denn alles , was voller Sehnsucht, Liebe oder Trauer das Dasein des Menschen streift, findet Platz im Stillen, ja ich meine sogar Platz im fast Unaussprechlichen.

Trotzdem gehe ich auf Wanderschaft durch diese Welt aus Sinnbildern, Metaphern und glasklarer Erkenntnis. Worte der Wissenschaft bringen in Berechnungen, Statisken und Analysen an die Oberfläche und jedes Wort befestigt die Bedeutungen wie Mauersteine in ein Gebäude aus Logik und Bestimmung ; Gedichte und Geschichten jedoch erwandern die Zwischenräume , suchen die Leere und füllen diese oft nur mit einem Hindurchhuschen.

Doch hin und wieder, und mit zunehmender Lebenszeit geschieht es, das man dem Hindurchhuschen , diesem stillen Raum zwischen zwei Wörtern eine Bedeutung geben kann. Immer wieder kehrt man dann zu diesem Ort zurück, der im Vorübergehen uns eine Ahnung von etwas vermitteln konnte… mitunter wird die Sehnsucht, dieser Ahnung ein Gesicht zu geben  so groß, das wir uns auf die Suche begeben nach Buchstaben, die Wörter bilden, und Wörter, die Sätze bilden.
Wir wägen ab, ob sie zueinander passen und sprechen sie laut aus, um zu erfahren, ob das tiefe Bild, was sie in uns offenbaren, auch an der Oberfläche der Sprache Bestand hat. Plötzlich gesellen sich zum ausgesprochenen Wort Appositionen wie Allegorese, Metapher, Umschreibung, Verfremdung… und stellen fest, das mit dem Hervorbringen an die Oberfläche sich das Sinnbild wandelt, verwässernd verschwimmt .

Das gleiche Wort, welches sich im Raum zwischen Denken und Aussprechen als „unser“ Bild einen Teil des Ich’s ausmachte, droht nun wie Wasserfarbe, die zuwenig Farbpigmente aufgenommen hat, zu verlaufen . Und wieder halten wir inne, denn dieses „Verwässernde“ an der Oberfläche der Sprache scheint auf den ersten Blick gar nichts mit uns zu tun zu haben. Die Momentaufnahmen, die Wahrnehmungen, aus denen Geschichten und Gedichte entstehen, dehnen sich plötzlich zu einem großen, Gewässer, welches zwar im Schein des Lichtes, auf das es nun trifft, eine farbige Heiterkeit ausstrahlt, aber so gar nichts mehr mit der mystischen Tiefe des Schweigens gemeinsam hat.

Und doch haben beide etwas, was sie wie eine Nabelschnur verbindet, denn diese Stille , die manche Worte brauchen und dieser Lärm, mit dem sie in die Welt treten werden von uns gestaltet.
Das Mysterium unseres geistigen Werdens und Seins werden in einem großen Maße vom Denken bestimmt , doch das Denken scheint nur der Multiplikator zu sein, der die Vielzahl der Wahrnehmungen und Emotionen zu den Worten formt, die uns noch tiefer in der Seele anrühren wollen und dann doch lange in den Zwischenräumen der Sprache ruhen.

Die Gespräche , die  philosophische Gedanken  bestimmten, wurden durch Gedichte angeregt. Klingt das nicht absurd, das die schweigenden, in den Zwischenräumen der Sprache lebenden Worte das hervorbrachten, was oftmals selbst für uns unverständlich bleiben müsste; hätten wir nicht … ja hätten wir nicht …

Manchmal werden wir gefragt, warum wir hier schreiben. Selbst auf die Gefahr hin, das es einige Menschen nicht verstehen, öffnen wir die privateste Kammer in unserem Sprachhaus . Wir lassen das, was in der Tiefe unter den Worten lebt, ihre Bedeutungen, ihre Bilder, ihre Schatten an die Oberfläche unseres Seins … So hätte man die Frage anders formulieren können : warum man denn so denkt, denn es hätte es dasselbe bedeutet, als wenn man fragen würde , warum fühlt man . 

… an anderer Stelle, und gerade kürzlich hatten wir über die habe ich oft  über die Schönheit der  Lyrik gesprochen. Ihre Feinsinnigkeit und ihre tief berührenden Worte.
Als ich einige Gedichte las, musste ich irgendwie „stehenbleiben“ . Ich konnte einfach nicht weitergehen. Ich musste verweilen . Und meine Seele ruhte in den Zwischenräumen aus- immer noch suche ich nach den Worten, die diesen Bildern gerecht werden können.
Worte und Sprache – das sind nie endende Abenteuer , eine nie endende Reise zu den Menschen.

Ganz tief im Dunkel
ist Deine Welt so leuchtend.
Du schließt die Augen.

von irgendWO her- nach irgendwo hin

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT — silkandpaper @ 12:43

Irgendwie bin ich aus einer anderen Zeit, so glaube ich zuweilen. Und ganz besonders der Winter scheint mich in dieser Vorstellung zu unterstützen, das die Zeit sich verschoben hat, oder herausgelöst aus anderen Landschaften der Minuten und Stunden und mich wie auf Vogelschwingen mitnimmt in die Lüfte . Von ganz oben dann schaue ich herunter und sehe, wie die kalte Winterluft wie aus der Vergangenheit kommend die Menschen dazu verleitet, sich vor ihr zu schützen.
Immer im Winter erwacht der Kostümierungsdrang.
Ich ziehe den langen Mantel an und hänge mir den Muff um, der meine Hände verbirgt und der vor meinem Körper hin-und herschwingt. Ich weiss genau, das ich in diesem Mantel aussehe, wie eine Frau aus den Dreißigern. Die Hutschachtel liegt bereit und ich suche einen Hut heraus, der den Anlass gemäß eine Eleganz unterstreicht, die man in adligen Kreisen bevorzugt. Es ist so ein Tag, wo ich mich für einen Empfang herausputze….Die kleine Tasche fürs Nötigste unter den Arm …und schon laufe ich die Strasse entlang. Ich bin froh, das es dunkel ist. Hier in dieser Gegend fällt man auf, wenn man etwas aus der Reihe tanzt. Die Absatzschuhe machen Lärm und ich muss aufpassen, das meine Absätze nicht im Kopfsteinpflaster steckenbleiben. Den Kopf gesenkt schaue ich , ob ich aus versehen die Bordsteinkante übersehe und plötzlich stoße ich mit einem Mann zusammen, der wie ich die Strasse entlang hastet. Ich blicke auf und sehe einen Menschen, der wie aus den Dreißigern ausschaut. Ein eleganter Anzug, blankgeputzte Schuhe, einen schönen Wollmantel und einen schönen Schal. In den Händen ein paar Handschuhe. Beide bleiben wir abrupt stehen. Das man auf jemanden trifft, der offenbar wie man selbst aus einer anderen Zeit zu stammen scheint ist so selten wie ein Sechser im Lotto.
Ich muss weiter und gehe auf die andere Strassenseite. Noch einmal drehe ich mich um, aber der Mann war wie vom Erdboden verschwunden. So wie er auftauchte so verschwand er wieder… Merkwürdig!
Endlich sehe ich das blassgelbe Licht des U-Bahneinganges und gehe vorsichtig die Treppe hinab, warte auf die U-Bahn und steige ein. Abends ist Bahn voller Kauflustiger Menschen und zwischen großen Tüten , Kinderwagen und Fahrrädern schiebe ich mich zwischen der Menschenmenge hindurch und finde einen Platz. Träumend , vor mich hin sinnierend sehe ich plötzlich auf ein paar sehr blank geputze Schuhe. Ich blicke auf und sehe diesen Mann plötzlich wieder. Er steht an die Tür des Wagens gelehnt und schaut hinaus in die vorbeihuschende Dunkelheit des U-Bahnschachtes. Irgendwie passt dieser Mann nicht in die U-Bahn, denke ich. Er sieht viel zu elegant aus, irgendwie würde er eher in ein altes Auto gehören , mit einem Chauffeur…. die gelb-rote Tür der U-Bahn umzeichnet ihn wie ein Bilderrahmen. Ja- denke ich. dieser Mann ist ein Bild, ein Gemälde; etwas, was nicht in diese Zeit passt. In den letzten 10 Jahren habe ich keinen so elegant und stilvoll bekleideten Mann gesehen. Von irgendwoher kam er und irgendwohin ging er. Er lief durch die Zeit und blieb für eine Viertelstunde im Heute stehen. So schien es.

Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Ich weiss nicht, warum mich diese fast nichtssagende Episode von heute Abend so beschäftigt hat, aber sie hat eine Sehnsucht nach dem Gestern ausgelöst, nach den schönen alten Dingen, die man nur aus Zeitschriften kennt und aus Erzählungen älterer Leute. Es war wie eine Morgana. Mitten im Winter.
Ich verspüre die Sehnsucht nach irgendwo. Ich glaube, ich bin nicht aus dieser Zeit!

Januar 28, 2009

abEND

Gespeichert unter: sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 5:02

Am frühen Abend liegt sie einfach da,
die Straße, in einem himbeerfarbenen Gewand,
ein braunes Ästelabyrinth, des Schattens und des Lichtes Spiele,
der goldene Schimmer dort am Dächerrand.

Die Röte lässt sich sanft und leise sinkend
herab zum schieferfarbenen Häusergrund,
um die grauen Steine in den Schlaf zu küssen
mit einem wispernd glänzend heißen Mund.

Wie eine längstvergessene süße Wehmut
greift die Schattenhand des Hauses nach dem Licht,
um doch noch leise in dem Dunkel zu versinken.
Der Abend kommt, der zarte Nebel lacht verwischt.

Wie eine Blüte zittert diese dunkelrote Flamme,
und verwelkt jedoch zugleich im schwarzen Schatten.
Die Nacht tanzt schweigend um die Häuserecken,
die früher schon ein langes Leben hatten.

In alten Fluren blinken schmutzige Laternen,
als suchten sie verzweifelt nach dem letzten Licht,
und schicken einen Schimmer in die Dunkelheit,
und zeichnet der Straße den Zauber ins Gesicht.

 

Januar 26, 2009

wenn männer in bewegung kommen…sind sie DIESSEITS nicht zu fassen

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Auch wenn die U-Bahn nicht mehr unter meinem Haus hindurchfährt, und mit Vibrationen die Steine nicht mehr zum leisen Schwingen bringt, so ist sie doch täglich mein liebster Transporteur geblieben, der mich von A nach B fährt und meinen neugierigen Blicken Nahrung gibt für Gedanken jenseits der Bahngleise , auf denen ich im großen gelben Wagen dahinschaukele. Auch Paul Klee , der mich mit großen Augen und einem energischen-zusammengepressten Lippenpaar anschaut und mir entgegenruft „Diesseits bin ich gar nicht fassbar!“ , scheint meinen Sinn fürs Ausscheren aus dem Alltäglichen zu teilen.
Obwohl sepiabraun und mit kleine Schäden , weißen Flecken und Schatten , von einer alten Fotolinse verursacht, geht eine Farbigkeit von diesem Plakat aus, dem man sich schwer entziehen kann. Überdimensional , mit herausfordernden Blicken sind auch seine Nachbarn mit deftigen Sprüchen mit von der Partie, den spärlich beleuchteten Bahnsteig zu einem Minutenevent der Aussagefähigkeit von Kunst zu machen.

Ich schaue mich um. Der Winter scheint tatsächlich nicht die Jahreszeit der Männer zu sein! Grau in Grau , in undefinierbaren Farben schäbiger Parkas, dunkelbraunkarierten Schals, ausgefranster Wollmützen, so viel von Tristesse, daß ich kaum den Blick heben mag, wenn so ein wintermüder und übernächtigter Mann mit durchgetretenen Winterstiefeln wie aus den 50-zigern an mir vorbeischlurft und sich auf die kalte Holzbank fallen lässt.
In diesem grauen dunkel-schmutzigen Schein eines frühen Wintermorgens wünschte ich mir eher die Farben der ersten Tulpen oder auch ein wenig Duft von dunkelblauen Hyazinthen , oder wenigsten eine rote Pudelmütze, die mir das Morgenrot einer Sonne vorgaukelt. Nichts von alledem !

Wo sind denn nur die Mutigen abgeblieben, die mit Unkonventionalität und dem Hunger nach der Farbe und den Mustern dem Zeitgeist und der Profanität weit voraus waren? Wieso sind Männer immer so zurückhaltend mit den Farben, warum so scheu, einmal einen knallgelben Schal zu tragen?

„Männer sind Fossile, aus Plastik, sind Bleistifte und wollen sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Dazu kommt, daß sie es lieben, Butter auf Stühle zu schmieren und zudem sich auch noch aus Dosen ernähren; sie würden , um schreiben und malen zu können , alles tun, sogar sich durch Schlamm und Kloaken winden “ ,um sich als wahre Helden eines Zeitalters zu fühlen, von dem wir heute, und insbesondere die Jüngeren nichts wissen.
Diese Fossile schämen sich nicht ihrer mageren Körper oder ihre teils pathologischen Ansichten zum Thema Kunst, Paar oder Frau. Sie haben keine Probleme, wenn ihnen die 5. Frau davonläuft und der beste Freund ihnen die 6. Frau ausspannt.
Aus diesem Schmerz wird ihre Kreativität geboren, die wir später als Genialität bezeichnen.

Das Gesicht von Andy, eingehüllt in einer Winterkapuze , machte Campbells berühmter, als es der Inhalt der Suppendose jemals vermocht hätte…allerdings gab er auch die Wahrheiten kund, daß Sex und Parties das Einzige wäre, wo man persönlich erscheinen müsse…Vincent, der magere Rothaarige , der sich mehr auf Theo verlassen konnte, als auf die Weitsicht seiner kunstunverständigen Zeitgenossen, malte sich im Farbenrausch hungrig an der Welt, die aus Kornfeldern und bäuerlicher Betriebsamkeit bestand. Für alle Damen dieser Welt pflückte er den allerschönsten Blumenstrauß und wußte es nicht einmal, das er wie auch kleine Veilchensträußchen englischer Ladies konserviert wurde und für die Ewigkeit nun in der Vase steht. Joseph, der einen ambivalenten Hang zu Lebensmitteln hatte , verwechselte den Stuhl mit einer Brotscheibe und zog den Zorn einer übereifrigen Putzfrau auf sich….Jeff, dessen Herz sich lila färbte beim Anblick eines roten Balloon-Pudels oder Clemens, der sich wagte, einem anderen Mann die Stirn zu bieten und ein ungleicher Wettkampf zu Höhenflügen Beider führte, anderer war Karl Friedrich , dem wir die berühmtesten Bauten Berlins verdanken. Und natürlich unwiderstehlich Alberto, der Glutäugige, der auf italienischer Liebhaber macht, aber eigentlich schon längst Schweizer war…Nicht zu vergessen Salvatore, der sich den Bart zwirbelte ,um mitten ins Herz der ihm umschwirrenden Damen zu treffen…

Wie heiter bunt plötzlich der alte Bahnhof schillert, es raunen die Worte Brentanos wie ein weicher Wind durch die lange Halle…Und da ich wohl die einzige zu sein scheint, die sich der Vielfarbigkeit des schwarzweißen Plakates annimmt und sie neu entdeckt, setze ich mich halb gedankenversunken, halb hellwach auf die hölzerne Sitzbank, deren Farbe schon absplittert …Neben mir sitzt der Mann mit den abgetretenen Schuhen und auch er schaut wie ich auf die Plakate , die des Künstlers Kult dem Betrachter nahebringen will, und plötzlich fühle ich mich nicht alleine mit den verrückten, sensiblen, erschrockenen und unverstandenen Männern auf den Plakaten. Der Mann scheint zu bemerken, das ich wiederum bemerke, das seine Schuhe auch schon mal bessere Tage gesehen haben, und beginnt irgendwie schamhaft mit einem Papiertaschentuch das verschmutzte Leder zu säubern.

Eine merkwürdige Stimmung baut sich auf . Immer noch gebannt und voller Phantasie spazieren meine Gedanken auf dem Plakat herum und irgendwie schien dieser Mann auf das Plakat hinzu zu gehen . Seine graue, unscheinbare Kleidung und die Handschuhe, die er vor dem Säubern der Schuhe neben sich auf die Bank gelegt hatte , seine Gestalt und sein hageres Profil erinnerte mich ein wenig an ein Foto aus den Jahren der Zweifarbenfotografie, welches vom Fotografen durch Retusche ein wenig Farbe erhielt- ein bisschen Illusion im Grau des Alltags .
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkeln heraus . Wie aus der Zeit , ja wie aus dem Plakat herausgelöst , so erschien es mir, saß er da. Mit ruhiger Hand griff er nach den Handschuhen , stand auf und warf das Taschentuch in den Mülleimer, ein anderes Taschentuch entwischte seinen Händen …
Er stand ganz still, ohne ein Wort zu sagen, ja fast ohne zu atmen. Es war, als wäre er dem Plakat entsprungen, hätte sich mal nur so aus Spaß auf der Bahnhofsbank niedergelassen und nun , nachdem ich seine Lebendigkeit entdeckt habe, auf das Plakat zurückwolle…
Der U-Bahn rollte ein. Ein großer Windstoß , den die Bahn vor sich herschob bauschte sein Haar auf und er hob die Hand und ordnete sein Haar.
Ich nahm meine Tasche, meine Zeitung und stieg ein. Als ich meinen Blick hob, war er entschwunden. Auf keinem Sitz, in keinem Gang, nirgends stand oder saß er. Die Bahn machte einen Bogen und in der Kurve kann man vom ersten Wagen bis zum letzten Wagen sehen, wer ein-oder ausgestiegen war. Der Mann blieb verschwunden, aufgelöst im Nichts dieses Morgens. Mir kann der aberwitzige Gedanke, das er auf der anderen Seite des Wagens die Tür geöffnet haben könnte, um wieder im Plakat entschwinden zu können, sozusagen „trockenen Fußes“ übers Gleisbett gehen konnte. Ja, plötzlich war er im Diesseits nicht mehr fassbar. Allerdings hatte ich auch gesehen, das er noch beide Ohren hatte und auch die Lippen waren voller. Die Augen waren nicht glutäugig, sondern eher hell, von einem bernsteingesprenkeltem Braun . Die Hände waren nicht feingliedrig, wie die eines Musikers, auch nicht grob und schwer, wie die eines Skulpteurs oder auch nicht nervös, wie die eines Fotografen. Nichts von all dem . Kein Merkmal , das ihn als einen von ihnen gekennzeichnet hätte…Er war vielleicht einfach ein Mann, der scheinbar in der falschen Zeit lebte und in seine Zeit zurückgegangen war.

Als ich nachmittags wieder nach Hause kam und den Bahnsteig entlanghastete, konnte ich nicht anders, als noch einmal meinen Blick auf das Plakat zu werfen. Alles war wie vorher ; das Plakat hing immer noch auf seinem Platz , niemand hatte es mit Graffity verschmiert, niemand hatte die lose Stelle weiter abgerissen- nur unter dem Plakat, auf dem schwarzen Gleisen , zwischen den ölverschmierten Bohlen zitterte ein Stück von einem lehmverschmierten Papiertaschentuch . Und was sagte Hans? Sehen ist Alles !

 

Januar 8, 2009

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Januar 1, 2009

wenn männer in beWEGung kommen-oder: der tag danach

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Der Tag danach- oder warum Erol nicht sterben darf
Die Überschrift sollte Euch nicht schockieren, dies ist kein Aufruf oder gar ein Angriff auf Eure Brieftaschen…. das ist der gestrige Tag von MAR, die heute den Tag „danach“ hat…..

Und auch wenn es der Silvesterabend war und nicht ein Allerweltsabend ; ich packe die Geschichte mal in das Wortdurchgangszimmer und nicht zu den Jahresendthreads , weil ich bitte in Anlehnung an die Möglichkeit der Endlosigkeit von Geschichten auch noch nach Silvester mit Sicherheit einem Morgen danach gibt ….vielleicht nicht so dramatisch angehauchte, wie Milva es mal besungen hatte , aber immerhin; unsere Leben sind voller Geschichten und kleinen Tragödien, die wir , um sie besser erklärbar zu machen in VORHER und DANACH einteilen. was auch immer wir als Danach oder Vorher bezeichnen. .Also , wenn immer Ihr solche Geschichten vom Tag danach habt: her damit !

Gestern wollte ich eigentlich einen ganz ruhigen und beschaulichen Abend alleine zu Hause verbringen, diesen Vorsatz fasste ich letzte Woche, weil ich die Knallerei und die „Hasenjagd“ nach Passanten auf der Strasse gar nicht abhaben kann.

Dann aber , Mar , also ich, ( ich sollte nicht in der dritten Person von mir sprechen…) als Kurzentschlossene , und typisch für die Eigenwilligkeit, dem Moment des letzten Tages im Jahr , doch noch in seiner Besonderheit auf den Grund zu gehen ….und aus einem zufällig gegebenen persönlichen Anlass stieß diesen Vorsatz gleich noch am gestern um…. Ich genehmigte mir nämlich eine Flasche Yakut ( OK, nur die halbe ist es hier zu Hause geworden…) schlüpfte nach ausgiebigem Bad in ein enges Schwarzes, bemühte mich die Haare zu bändigen, was mir nicht gelang , griff zur Schere und schnitt dann auch noch in einem kurzen Moment von Dummheit meinen Pony zu kurz ab… ne aber auch…! So blieb dann nichts anderes , als mich der Frisur anzupassen, und gab dem kleinen Schwarzen einfach mit einer langen Perlenkette einen Hauch von Nostalgie…. Mit Hilfe einer Maquillage gelang es mir langsam das das Gesicht einer Dame aus den 30-igern dem Spiegel zu entlocken.

Voila… der Ponyverschnitt war kaschiert . Prüfender Blick… OK. Damit keine Missverständnisse aufkommen, das Café, welches ich spontan aufsuchte, ist bekannt für schöne nostalgische türkische Musik, klassische Musik und alten Liedern aus Istanbul ala Zeki Müren…das passen Spitzenhandschuhe , Hut und eben das kleine Schwarze.

Das einzige Paar Hochhackige an und natürlich die roten Spitzenhandschuhe übergestreift… und hinaus in den Rachen der Großstadt, die Feuer spie und mit lautem Getöse und Böllern ihrer Opfer harrte… Menschen wie ich, die zusammenzucken, wenn es plötzlich zischt und merkwürdig riecht und dann….. bommmm! Kichern im Hausflur, wo die kleinen Rabauken und zu Kindern gewordenen Erwachsenen sich ergötzen an dem Erschrockensein. Nur heute darf man das….also schnell noch einen Böller hinterherschicken! Das enge Schwarze erweist sich nicht besonders als sportliches Outfit und meine ungeübten Beine in Absatzschuhen geben auch nicht das her, was sie sonst so können, wenn es ums schneller laufen geht…

Gott sei Dank ist das Café gleich um die Ecke…man folgt den größeren Familienautos , zwei Stretchlimosinen, superschicken Frauen , schulterfrei ( bei diesem Wetter! ) und den Ehegatten mit den Kindern im Schlepptau. Es ist ja nicht nur Silvester, sondern auch Kurban Bayram. Familienfest.

Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre; ich glaube gerade weil diese spontane Überlegung, einer netten Einladung zu folgen , sich im nachherein als äußerst ergiebige Quelle für etliche Geschichten herausstellte… Situationen und Menschen in einem Café: die Tische geflittert und mit Luftballons in einen imaginären Schwebezustand versetzt…Menschen jeden Alters und jeder Couleur fallen sich mit Worten in die Arme, welches ich nur als zwitschern wahrnehmen kann, des Türkischen nicht mächtig, aber was soll es…

Mein Gastgeber, der Namensvetter eines  kleinen Internetromans  im deutsch-türkischen Forum    ( http://www.turkish-talk.com/philosop…-der-text.html )  der sich übrigens darüber amüsierte, das jemand ihn schon jetzt am Anfang sterben lassen wollte , saß schon an einem kleinen Tisch, in Blickrichtung Mitte des Saals- er war allein, irgendwie hat hat er kein Glück mit seinen Fatma’s . Fatma Nummer 1 folgte Fatma Nummer 2 , dann eine Fatime, dann wieder eine Fatma… und als ob es dieses Jahr so in sich hat; das Jahr neigt sich dem Ende ohne Fatma.

Aber Erol wäre nicht Erol, er ist trotzdem den Freuden des Lebens nicht abgeneigt , und möchte das neue Jahr mit Spaß und einer gehörigen Portion Heimweh nach Istanbul begehen…( das Heimweh nach Istanbul ist eine ganz kleine, wenigstens zu 50% Ausrede, sich eine Flasche Raki zu ordern. Die Damengesellschaft der Familie Dilek am Nebentisch äugte etwas erschrocken hinüber, als noch meine Flasche Yakut ( die ich folgerichtig nach der von zu Hause geöffneten Flasche bestellte) . Ich musste innerlich doch schmunzeln, weil ich daran denken musste, wie wunderbar sich doch diese Posen in die folgenden Episoden des Romans übertragen lassen würden, wenn denn Erol nicht sterben müsse…mein kleines Schmunzeln blieb nicht unbemerkt und die Nachfrage beantwortete ich sehr artig mit dem Fortgang des Romans ( also das muss ich doch schnell einflechten- der echte Erol ist natürlich ganz und gar einverstanden, hier verewigt zu werden) .

Nachdem ich ihm seinen möglicherweise frühen Tod prognostiziert hatte, setze er sich aufrecht und mit unglaublich ernster Miene in seinem Stuhl zurecht. Langsam griff er in seine Hosentasche und holte einen Revolver heraus. Mir wurde es ganz heiß und kalt … Mindestens 250 Gäste waren im Raum , Volkan sang gerade Cicek Pazari und schlitterte mit geübten Schritten zwischen den Tanzenden auf dem Parkett unsere Richtung… er hatte uns erspäht und wollte Hallo mit dem Mikrofon in der Hand zuwinken, auf unseren Tisch zusteuern und mit seelenbetörender Stimme mein Herz erreichen , denn Cicek Pazari und Istanbul Sokak sind meine Lieblingslieder – Ein wenig stolperte er mit seinen Worten den Noten hinterher, wohl möglich, das er die Waffe sah, die Erol jetzt hob und einfach in Richtung Saalmitte zielte. Scheisse…. jetzt passiert etwas , dachte ich. Ist eine Fatma aufgetaucht oder eine Fatma zuviel da, oder …. Er drückte ab .

Ein leises Zischen, eine kleine zitternde Flamme – und ein Zigarettchen glimmte in seinem Mundwinkel. Die jüngere Dame der Familie Dilek war ebenso wie ich nicht ganz von diesem Spaß eingenommen und fast gleichzeitig atmeten wir tief und erleichtert auf.

Jetzt machte sich ein Lachen breit auf diesem Gesicht, die Grübchen wurden tiefer, das Lachen wurde breiter, die Haltung wieder legerer… vorbei der Spuk. „Also Erol nicht so einfach sterben, immer noch leeeebendig, bitte sagst Du das diese Schreiber von Roman…ich bin Türke, Türke nicht so einfach aufgeben.“

Cicek Pazari war verklungen; Volkans angedeuteter Handkuss auf meinen rotbehandschuhten Händen ( die übrigens meine raue Haut vom Saubermachen am Vortag vorzüglich versteckte…) machte Frau Dilek, die Jüngere, ganz eifersüchtig. Das machte mir den aufrechten Sitz und die nonchalante Pose sehr leicht.

Eifersüchtige Frauen , die auf einen Blick ihres Gesang-Idols warten , können mitunter gefährlicher werden als wenn der Mann mal gerade fremdgeht ( das sieht sie ja meist nicht…, wohl aber wenn die Frau am Nachbartisch vom Star des Abends nach dem Befinden gefragt wird… ) oh oh die Sonne verfinsterte sich …

Dafür flackerten die ersten Sternchenfeuer auf , die ersten Obst-Etagerien würden serviert, und es waren eine Menge Obst-Etagerien, die immer als ein untrügbares Zeichen von Raki-Konsum am jeweiligen Tisch zeugten ( Melonen, Äpfel, Weintrauben) .

Die Kinder, derer nicht wenige waren, tanzten selbstversunken oder mit dem wunderbaren orientalischen Hüftschwung um die Tische herum; ein roter Luftballon landete auf meinem Kopf, eine kleine Prinzessin im weißen Tüllkleid und unwiderstehlichem Lächeln holte ihn sich ab… Es wurde warm im Raum,

die Musik heizte mächtig ein, jetzt bedauerte ich zum ersten Mal das ich das enge Schwarze gewählt hatte , kein Lufthauch passte zwischen Stoff und Haut… Auch auf Erols Stirn zeichneten sich Schweissperlen ab…Seine Augen wanderten mal zu dem und zu jenem, ein freundliches Kopfnicken in die Richtung, dann in die andere Richtung, eine Lage Raki wurde geordert für die Kapelle und für Geschäftsfreunde hinter dem großen grünen Defne-Baum aus Kunststoff. Das große weiße Taschentuch glitt über Erols Stirn und er beugte sich etwas über den Tisch, um mir etwas zu sagen. Aber ich hörte nur die Geige und die Tabla, das Stampfen der Füsse und mein Handy klingelte , zwar lautlos aber das blaue Blinken machte mich trotzdem nervös . Ich stand auf, um in den Flur nach draußen zu gehen. Dabei erhaschte mein Blick die Tischgesellschaften hinter mir und auffällig in unsere Richtung vor sich hinschauend eine Frau mittleren Alters im silberglänzendem Gewand und so rotgeschminkten Mund, das man schon sagen musste, das sie garantiert nicht zu übersehen war. Ich stand in der „Schusslinie“ wenn man die Linie zwischen Erols Blicken und den Augen der Frau so nennen darf. Und es war eine Schusslinie.

Da ich erst einmal mit dem läutendem Handy nach draußen lief, entging mir die erste Szene des Schauspiels. Mehr oder weniger spielte sich eine Tragödie ab, die leise und nonverbal aber dafür um so eindringlicher, das ich förmlich fühlen konnte, das diese Frau und Erol sich kannten. Er wandte sich mir wieder zu, nachdem ich zurückkam und sagte mir, das er die Frau kenne…. Fast tonlos fragte ich: „ist das eine Fatma?“ Und er flüsterte mir wieder zu und ich konnte des Lärmes wegen nur die Lippen ablesen: “ nein, eine Hülya“.

Ups. Diesen Namen höre ich zum ersten Mal. Erol nahm den Stuhl und rückte etwas näher an mich heran.

“ Diese Frau mich haben wollen, lange Zeit, immer mich gucken , immer andere Leute fragen , ob ich verheiratet bin, andere Leute wissen mich nicht , meine private Leeeeben geheim. Aber immer wenn ich Abrechnung machen will, sie ist da und will meine Nähe sein. Ich mag diese Frau nicht. Nicht mein Geschmack. Und jetzt sie ist dort und seit ich sie sehe , sie trinkt eine Raki nach dem anderen. Schaut mich in meine Augen und trinkt ohne meine Augen zu verlassen. Scheisse…“

Na ja, meine Neugier war größer und wie so in solchen Fällen tut man so, als fiele etwas herunter und man schickt einen Blick wie heimlich und schaut , was Sache ist.

Jetzt erst viel mir auf, das der lange Blick auch vom Betrunkensein herrühren müsste.

Langsam erhob sie sich , und ich muss schon anerkennend sagen, sie konnte fast gerade laufen, und sie steuerte genau auf unseren Tisch zu. Erol, der Mächtige, der durch nichts zu Erschütternde, der Herr im weißen Anzug , der Kindskopf mit dem spitzbübischen Lachen, Erol, der noch NIE in der Öffentlichkeit getanzt hat ( “ ich bin schwere Mensch , ich tanze nicht… mit schwer meint er seine Seele…) , also dieser Erol sprang wie eingeölter Blitz auf, zerrte mich auf die Tanzfläche, breitete seine Arme aus, wie ein Greifvogel und begann eben nach guter alter türkischer Sitte zu tanzen und zu stampfen und stieß mich immer weiter in den Pulk der Menschenmenge hinein.

Meine Arme flatterten ebenso in der Luft, meine Handgelenke nahmen die türkische Staatsbürgerschaft an und konnten wie von selbst graziös den Rhythmen folgen, so als hätten sie nichts anderes getan. Und plötzlich…. plötzlich war Erol verschwunden. Abgehauen ….Ich drehte mich alleine mit Frau Dilek, der Älteren und Frau Kaya mit Kind auf dem Arm in einem Reigen.

Manno, wo ist dieser Bursche abgeblieben ? Die Musik war zu Ende, die betrunkene Frau, die zwei-dreimal unseren Tisch fassungslos umkreiste, weil niemand auf den Stühlen saß, lief besonders zielstrebig und langsam in Richtung Ausgang und dann sah ich sie noch durch die Fensterscheiben hindurch, wie sie im Dunkel des Hotelhofes verschwand. Der nette Kellner fragte mich besorgt, ob alles in Ordnung sei, weil ich so mutterseelenallein und mich den nun schadenfrohen Blicken von Frau Dilek, der Jüngeren ausgeliefert sah. Evet, evet, alles in Ordnung.

Aber wo zum Teufel ist Erol abgeblieben? Ach schau, da war er plötzlich wieder in freudiger Eintracht , mit dem Fotografen, der mit einem Papier-Rosenstrauss und einer Sofortbildkamera seine Runde drehte … Erols Blick ging ringsum , Aufatmen, die Frau war weg. Mit einem triumphierenden Blick, als hätte er gerade die Schlacht von Troja gewonnen, setzte er sich , natürlich in markanter männlicher Pose auf seinen Stuhl und schaute mich mit seinen Augen und einem Schalk darin an….

„Wo warst Du?“ ….“Auf der Toilette, da was ein kleines Fenster und ich immer durchgeguckt habe, das diese Hülya weg ist. Frau ist Katastrophe. Ihr Kollege war auf Toilette und hat mir gesagt, das Hülya ganz schockiert war, Erol mit Frau hier zu sehen. Niemand weiß, das wir nur Freund sind und keine verheiratet, aber egal…. Hülya ganz eifersüchtig und traurig und trinken und dann mit mir sprechen wollen…..ich habe so auch gedacht und deshalb lieber wegrennen zum Tanzen…“

Darauf einen Yakut und einen Raki. Sherefe.

Erol, Erol, diese Situationskomik ist einfach unbezahlbar. Es wäre unverzeihlich, wenn Erol jetzt stürbe in unserem Roman. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich bin sicher, das man da noch einiges erwarten kann von ihm. Spätestens wenn Fatma Nummer 4 auftaucht. Also liebe Leute Erol lässt Euch herzlich grüßen und zwinkert Euch lausbübisch zu. Ihr , was das bedeutet. Es heisst: lasst mich bitte am Leeeeeeeben!

 

 

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