Silk and Paper

November 30, 2008

STILLE

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berlin-spreebogen


 

Meine U- Bahn! Ich muss doch den Berliner Verkehrsbetrieben wirklich danken…Die vielen Stationen, die ich täglich zur Uni fahren muss, liefern mir soviel Möglichkeiten, die Welt zu betrachten, die Menschen zu beobachten, oder auch mal ganz bewusst mich auszuklinken aus der lauten Welt eines U-Bahnhofes. Man weiß ja, das ist nicht einfach; Kinder quengeln nach einem Stück Schokolade, Ehepartner streiten sich laut, an der nächsten Station steigen Musikanten ein, die meinen, sie müssten die Fahrgäste am frühen Morgen mit einem Verschnitt zwischen russischen Walzer und peruanischen Volksliedern beglücken. Der Walkman meines jungen Nachbarn liefert mir Eminen frei „Ohr“ , der kleine Pinscher zwischen den Beinen meines hinteren Nachbarn quietscht laut auf, weil so ein kleiner Rabauke ihm auf den Schwanz getreten hat, ach ja, und der „Straßenfeger“ und die „Motz“ sind wieder neu erschienen und mit leiernder Stimme wird uns erklärt, das man doch tatsächlich mit diesem Erlös kein Rauschgift konsumieren wird, sondern eine Bettenburg für den Winter herrichten will für Wohnungslose…
Umsteigen…. Ach ja, die letzten 4 Stationen bis Ku’damm sind die ruhigsten, selbst um diese Zeit. Hier sind nur die ganz gut bekannten Wilmersdorfer Witwen, die im Kadewe ihren echt norwegischen Lachs kaufen wollen, das Kilo für 56,00 Euro… wir haben es doch! Ein, zwei Studenten haben sich auf einer Bank niedergelassen und reden sehr laut über irgendeine physikalische Einheit; ein recht gut zurechtgemachtes junges Fräulein (sagt man denn das heute noch…?) läuft mit hochhackigen Schuhen auf dem Bahnsteig hin und her… tak tak tak…

Ich möchte flüchten! Was ist das für ein Morgen! In meinem Kopf schwirrt es , weil das blöde Seminar mir im Magen liegt, welches man uns für zwei volle Tage „hineingedrückt“ hat; Training , wie man unhöfliche und aggressiver Bibliotheksbenutzer zu händeln hat. Dafür musste ich auch noch früher aufstehen als sonst… Nein, so einen Tag wünscht man niemanden. Meine Berliner Verkehrsbetriebe haben da so eine Möglichkeit geschaffen, das man mal mit den Gedanken auf Reisen gehen kann… Sehr wirksam, sehr werbungsorientiert und verkaufstüchtig. Überall hängen in der U-Bahn farbenfrohe Plakate. Riesengroße papierne Wände, die mir den musikalischen Kunstgenuss einer Tanzgruppe and Herz legen wollen, Musik, die mit Gummistiefeln auf den Theaterboden eingestampft wird, schön laut und rhythmisch, und gleich daneben steht mit großen Lettern und tiefblauer Schrift ein lockendes Plakat einer ganz anderen Musikrichtung, die unsere Kulturszene gerade beglückt… dort wirbeln wildgewordene Männer mit Blechschilden und Schwertern über die Bühne und zeigen mit kraftvollen Rufen und Schreien, untermalt von einer Grimassenschneiderei und „Haudrauf“- Gestik wie die Männer doch mal männlich waren in der guten alten Zeit… Ich erinnerte mich vage an ein anderes Plakat vom Sommer, als die japanischen Teufelstrommler mit halbnacktem und schweißglänzendem Oberkörper die Ästhetik des Fernen Ostens unter Zuhilfenahme von lautstarker Musik dem verwöhnten Musikliebhaber darbringen wollte…. Also nichts gegen die urbanen und sehr authentischen Instrumente der sicher schwerarbeitenden Künstler, ABER heute … heute an diesem Tag hatte ich sogar das Gefühl, mich würden die Plakate anbrüllen… als lachten sie mich aus…Ruhe? Ruhe willst Du und Stille?…

Was ist mit dieser Welt geschehen? Ist es immer so laut? Warum schreien schon die Plakate ihren Lärm so in den Tag? Warum lasse ich mich heute so von diesem Krach aus dem Takt bringen? Warum mag ich nicht den suggerierten Bildern folgen? Muss ich denn diesen Klängen folgen, die mir nicht behagen? Nein. Ich mag nicht.
Ich atme tief durch.

Ich wäre nicht ich, wenn dieser Morgen mir nichts Bestimmtes zu sagen hätte…
Ich höre in mich hinein. Ich schließe die Augen und entferne mich langsam vom Geschwätz der alten Damen, vom tak tak tak der jungen Frau, vom physikalischen Prinzip der beiden Studenten. Ich blende die schöne bunte Welt des Konsums aus…Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich den unbekannten Strand meines kommenden Urlaubs, ich höre das Rauschen von Wellen. Es wird ganz still in mir. Kleine bunte Kreise tanzen an meinen Augen vorbei, das Alltagskonfetti einer Minutenträumerei…Eine leichte Brise streichelt meine Wangen…. Ist das der Wind, der vom Meer herüberweht?

Nein, die Ernüchterung folgt; es ist nur die U-Bahn, die einfährt und die schwere maschinenölgetränkte Luft des U-Bahnschachtes vor sich herschiebt… Einsteigen bitte! Türen schließen! Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!
Ich bleibe stehen, denn ich möchte das leichte Schwanken genießen, welches sich auf meinen Körper überträgt, während die U-Bahn fährt. Es ist fast so, als schaukele man auf einem Dampfer; na ja wenigstens für 4 Stationen noch mache ich Traumurlaub in meiner eigenen Stille.
Kaum zu glauben, das ein Tag, der so lärmend und eindringlich begonnen hat, mit einem leichtbeschwingten stillem Einvernehmen mit der Welt und mit mir weitergehen kann.
Ich steige aus und betrete Neuland. Nein, nicht das ich mich verfahren hätte! Es ist die gleiche Station wie an jedem Morgen. Über dem Zoologischen Garten scheint gerade der Tag zu beginnen, der Park scheint noch die nächtliche Ruhe auszuatmen… ein paar Krähen hocken in den Bäumen und geben ein verhaltenes Krächzen von sich. Ach ja! Sie rufen den anderen Krähen etwas zu, die hoch oben wie eine dicke schwarze lebendige Wolke über dem Bahnhof kreisen.
Die Geräusche über dem nun fast stillgelegtem Bahnhof Zoo sind wie ein Violinkonzert, sogar das Einfahren der S-Bahn ist ein Adagio. Wie still kann die Welt sein, wie laut kann die Welt sein. Laut und leise. Beides ist allgegenwärtig.

Ich denke mir, dass man sich doch die Stille einfach nehmen sollte, wenn es uns an manchen Tagen einfach zu laut wird.
Sie ist doch immer da- die Stille in uns. Und auch die Stille inmitten der lauten Welt.

November 28, 2008

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massada1 

Der Morgen wäscht die Nacht vom Himmel,

im roten Gewande steht er in dem Raum…

durchschreitet die Weite, dort, wo alles Platz hat sich festzuhalten.

Meine Seufzer und auch mein lautes Lachen

berühren Tage und Wochen und schweben davon

in bauschigen Wolken mit Winterschnee und münden

wie schmelzendes Eis in jenen Versen, die an kalten Tagen

Deine ruhende Barke am Ufer zum Schwanken bringt.

Wie Himmelsstürmer die letzten Vögel , die davonfliegen

zum nahen Baum , um wie Tupfen in der grauen Landschaft,

die ausgefranst und kalt und immer wieder neu gezeichnet,

eine Ahnung zu sein vom Lebendigen zwischen all dem Schweigen.

Auf den Zweigen knarren auch meine Worte,

die den Draußenort zu einer Landschaft verdichten,

sich mit dem Holz verzargen , um nun im ersten Licht

zum Nichts zu verglühen; als weißer Rauch für einen Tag….

 

 

 

MAR 2008

November 23, 2008

cafe harem

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Café Harem

Wie roter Schnee stiebt die Asche ums Haus,

die Dunkelheit anmahnend, Glühwürmchen im Winter…

die Nacht ohne Ende, die ein Leben lang,

so scheint es, diese Männer ummantelt,

zeichnet für Momente eine Einsamkeit

als vagen Schatten dorthin,

wo ich sonst meine Füße setze, wenn ich

ihren Weg kreuze…

Noch am Morgen fällt das fade Licht

auf die Strasse, gefiltert

durch den Rauch hunderter Zigaretten,

schiebt es sich durch einen Spalt Fenster.

Müde baumelt die Lampe und macht

die Trauer an der Atemluft sichtbar ,

die in kleinen Rinnsalen am Fenster haftet.

All die ungeweinten Tränen verlorenen Glücks.

November 19, 2008

geSCHICHTen

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Immer sind die dunklen Tage gut, um Geschichten zu erfinden. Wir setzen uns und lauschen dem Leben. Im Schein von gelben Licht , im flackernden Schattenspiel einer Kerzenflamme erstehen sie aus dem Fundus unserer Erinnerungen und Wahrnehmungen, all dem , was uns umkreist und außerhalb des Ich’s wie in einem großen Geschenkkarton ruht und uns auf Momente hinweist, die es wert sind , Geschichten zu werden. Wir schnüren unser Leben zu kleinen Bündeln und werfen sie über die Schulter und wissen genau, das all die Zutaten da draußen sind , die das Zubereiten dieser Geistesspeisen ermöglichen
Eigentlich sind Geschichten immer schon da, Gefühle, Gebilde, Wahrnehmungen die plötzlich wie aus einem Dunkel heraus auf uns zukommen, hervortreten wie aus einem verwinkelten Hauseingang und sagen: hallo, hier sind wir, gib uns die richtigen Worte, gib uns das Kleid, welches uns schmückt …

Wir strecken die Hände aus und greifen nach den Buchstaben. Ein dichtes Wirbeln von Punkten, Kommata und Strichen, Schlaufen, die auf und ab gleiten, große Buchstaben, die wie eine Kinderschaukel einladen, sich darauf niederzulassen um mit Schwung ins Weite hinauf zu fliegen, hinein in die Wortträumereien aus den Märchen, die wir nicht vergessen haben. Wir pflücken aus den ätherischen Wolken von Klängen seidene Metapher , um das, was unsere Geschichte werden soll , mit Wohlklang zu schmücken.
Wortleitern tragen uns von Raum zu Raum, und lassen das alltägliche Nichts zu einer bunten Collage verschwimmen. Zwischen Zuhören und verstehen badet sich die Phantasie in den Wellen und Klängen der Sprache Die Abgrenzungen zwischen Geschichten sind kleine vorwitzige Kobolde, die sich rund und kichernd am rechten Rand ducken und sogar, um den Schabernack noch weiter zu treiben, mitunter dreifach die Wortmusik beenden…
Sie spielen mit ihrer Wenigkeit und wissen trotzdem, das nach ihnen alles neu beginnt. Punkte besiegeln und begrenzen , aber sie sind auch wie eine Partitur auf Notenpapier und die Unterbrechungen und das Beenden und Beginnen von Dingen und Undingen sind fast wie ein Wehklagen oder Sehnsuchtsgesänge, denn was kommt danach?

Ist die eine Geschichte zu Ende, will die andere Geschichte sich hervorwagen wie aus einem großen Korb, der fast wie das Innere eines Bienenkorbes in all den Waben und Kammern Tausende von Geschichten verbirgt .Wirgeschichten oder Ichgeschichten, Dugeschichten und Geschichten vom Diesseits und vom Jenseits , ein Buchstabengestöber , welches der Zerstreuung des Geistes und des Wiederfindens seiner Selbst dient…
Wir nehmen von all den vielen Fäden, die sich zum Spinnen von Geschichten eignen, wir verstricken uns ohne viel Zutun in ein Gewebe von Fragezeichen und erstauntem Ausrufen, zustimmendem Kopfnicken und ehe man es sich versieht, sind wir weich eingebettet in Rätsel und wissen dennoch, das alles, was wir sagen , uns doch schon längst bekannt sein muß, denn unausgesprochen und vielleicht leise anklopfend haben uns diese Geschichten in diesem Bienenstock voller Räume , schon längst erinnert, das es Zeit wäre , sie ins Licht und somit auftauchen zu lassen.

Leicht und tänzelnd kommen die Worte wie aus der Ferne auf uns zu, am Horizont erscheinen sie wie ein schmaler Strich, ein Schatten, ein Ball und mit zunehmendem Gebrumm und Gesäusel überrollen sie uns fast. In ihrer Farbigkeit überstrahlen sie sogar das hellste Licht, und das sogar, wenn es , so wie jetzt, im Zimmer eigentlich dämmerig ist . Wie eine gute Bekannte klingelt die Erinnerung an der Tür und holt , wie dieselbe zwei Stricknadeln heraus, um das, was vorhanden ist, zu verstricken und zu bekleiden.
Rätselhaft gibt sich der Raum, wenn die Geschichten sich an den Wänden niederlassen und sich wie kleine flatternde Vögel in Nischen festhalten , um dann, nachdem sie sich ausgeruht haben, wie aufgeschreckt davon zu huschen. Wie Kinder klatschen wir vor Begeisterung in die Hände , wenn wir bekannte Worte wiedertreffen, oder wenn langverlorene oder geflüsterte Wortfragmente plötzlich wie eine Illustration im lichtverfremdeten Raum stehen.
Die Umrisse der Erinnerung nimmt Kontur an, und wen interessiert es schon, das selbst uns beim Erzählen des uns schon längst Vertrautem ein Schauer über dem Rücken läuft. Da , wo sonst Nichts ist, baut sich ein Schloss in den Himmel und man kann über den eigenen Schatten springen, rettet sich mit einem Komma in den Nebensatz und erkennt, das die Wahrheit zwischen der Dugeschichte und der Ichgeschichte noch mit einem Dreifachrätsel und einem Kampf mit dem Drachen noch errungen werden muss.

Es wird sehr früh Nacht, wenn es Winter ist. Das ist die Zeit, Geschichten zu schreiben. Wir sitzen an Tischen und spitzen die Bleistifte an. Die Tinte verbannen wir , denn nur mit einem Bleistift geschriebene Geschichten können wir noch radieren und verändern. Nicht selten denkt man, wie gut es sei, wenn man die Geschichten verböge, sie noch einmal abändere oder gar ganz anders formulieren sollte. Wir können es drehen und wenden, das Papier hat schon alles verewigt und trägt selbst Ausradiertes wie eine kleine eigenständige Geschichte mit sich herum. . Es ist gleich, wie sehr wir innerhalb unseres eigenen Märchens die Begebenheiten verändern, ob wir berichtigen und erleichtert aufatmen, das sich der Schatten des drohenden Berges in kleine Kieselsteine verwandelt hat, in Wahrheit haben wir nur die Furcht in Hoffnung umgeschrieben , und die Hoffnung zur Liebe gemacht und die Liebe zu einer Kraft , die tatsächlich Berge versetzen kann, nämlich dann, wenn der Berg Stück für Stück und Kieselstein für Kieselstein abgetragen wird.

Was für eine Geschichte! Ja.
Hinter dem Wort, welches aus uns herausbricht und sich seine Geschwister sucht, steht das Sein von Dingen , die sich nur durch das Aussprechen eines Willen verändern.
Solche Geschichten lieben wir, die nach Fortsetzung rufen, die , obwohl sie klein und fast unscheinbar sind, doch den Raum um uns herum füllen. Alles im Raum und alles im Leben ist voller Wirklichkeit und doch unwirklich genug, um es nicht sofort zu erkennen. .
Die Lampe flackert , die Lichtkegel der vorbeifahrenden Autos huschen durch das Zimmer. An der decke malen sie gelbe und rote Kreise und verschwinden lautlos im Nichts. Morgen vielleicht, wenn sich die Kreise wieder in meinem Zimmer verirren, kommt sie wieder, die Erinnerung an das Licht im Dunkel.
Die Worte wollen jetzt ruhen. Sie sammeln sich und fädeln sich auf zu dieser schwarzen Perlenkette aus Tinte und Feder und lassen sich verpacken in raschelndes Papier. Die Tagebücher unserer Kindheit werden erwachsen und aus denselben Worten werden morgen sehnsuchtsvolle Lieder entstehen oder ein Orkan aus fast unverständlichen Lauten , die aufwirbeln und sich auftürmen zu übergroßen Wortstrudeln, fast wie ein Tornado , der alles hinwegfegt.
Wir nehmen die Geschichten und lösen die Schnüre von den Bündeln auf unserem Rücken. Und egal wie Worte sind, laut und wild , oder sanft und weich, mitreißend oder zerstörerisch, schmeichelnd oder fordernd; auch wenn wir sie nicht aussprechen, sind sie da.

Die Wortkleider und Sprachketten , die Punkte eines Lebens.
Und egal, wie voll kleiner und großer Geschichten das Leben ist , egal, wie es summt und singt oder weint und lacht; es scheint , daß wir, wenn wir uns inmitten einer großen Wiese diesem Stimmengewirr aus Erkenntnis, Wahrheit, Wahrnehmung und Erinnerung nähern , alles  umgeben ist  von archaischer Stille.
 
 
MAR , 19.11.2008

November 18, 2008

brachZEIT

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Wintergewaschener Himmel.

Grauer Schwan, der die Flügel ausbreitet

und ihn wieder ermattet senkt.

Warum sollte er gen Süden ziehen,

wenn der Süden gen Norden wandert…


Windgespeister Regen.

Neugierige Augen, die weit geöffnet

Das Sein erspähen.

Warum soll ich nicht auch dorthin reisen,

wo der Winter nie endet…

wenn männer in bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe flASCHE wein

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Wenn Männer in Bewegung kommen- oder wann trinke ich mit ihm die halbe Flasche Wein

Das Telefon läutete. „ Ich komme etwas später, ist das ein großes Problem für Sie?“
Ich verneine und bemerkte, dass ich ohnehin zu Hause sei und es mir nicht darauf ankäme, wenn er sich um eine Stunde verspäte.

Ich nutze die Zeit, die Dokumente zu ordnen und den Taschenrechner bereit zustellen

Das Telefon läutete ein zweites Mal. „ ich bin unterwegs. In einer halben Stunde bin ich da.“ Ich blicke auf die Uhr. Es ist 19 Uhr und der Termin war auf 17 Uhr angesetzt. Ich hatte Hunger. Und ich dachte gleichzeitig, dass das Gespräch nicht länger als 30 Minuten dauern würde. Essen könne ich also auch noch später.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. „ ich bin bin noch unterwegs…“ Ich erklärte den Weg und knallte den Hörer auf die Gabel. Das Telfon zitterte leise und ich befürchtete, dass ich es kaputtgemacht habe. Ich nahm noch einmal dem Hörer und war erleichtert, als der Ton erklang.

Wo blieb denn bloß dieser Mann, der mir das Gefühl verlieh, er nähme sich einfach zuviel Zeit. Endlich ! An der Tür höre ich ein leises Kratzen und kurz darauf schellte die Wohnungsklingel. Ich rannte den 10-Meter-Flur entlang und öffnete fast atemlos die Tür.

Im Türrahmen stand im Gegenlicht der Abendsonne der Mann, auf den ich gewartet hatte. Der erste Blick- und es geschah etwas. Es war wie ein WUSCH! Es war wie etwas, als hätte man zwei Magneten plötzlich das hölzerne Trennblatt weggezogen, was verhindert sollte, das sie aufeinanderprallen.

Ich bat den Mann in das Zimmer und setzte mich gegenüber. Alles in mir musste ich zur Ruhe zwingen. Ich wollte nichts anderes, als schnell diesen geschäftlichen Termin hinter mich bringen. Aber irgendwie kamen wir im Gespräch vom Hundertste ins Tausendste. Wir sprachen über seinen Akzent, sein Geburtsland, und unwillkürlich musste ich an die größte Diva seines Landes und an den berühmtesten Schriftsteller seiner ehemaligen Heimat, Mario Llosa, denken. An Mario Llosa eher weniger, sondern an seine Romane, die irgendwie das gleiche Kichern und Lächeln auf dem Gesicht zu tragen schienen, wie dieser Mann hier.

Nach drei Stunden Gesprächen über Literatur, Musik und Kunst und anhaltendem Lachen über ähnliche Empfindungen, zwischendurch Erläuterungen, wie man eine Wohnung kauft, begleitete ich ihn zur Tür, diesen Mann, der irgendwie gar nicht gehen mochte, sondern es bedauerte, diese Gespräche nicht fortsetzen zu können.

Ich schloss die Tür hinter ihm. Der kurze Moment, wie er wieder im Türrahmen stand und seine Hand auf das alte Holz legte, als wolle er sich abstützen, war das Letzte, was ich von ihm sah.

—————————————-

Das Telefon läutete. „ Ich brauche noch einige Dokumente. Und eine Faxnummer“
„ Moment“ sagte ich, ich könne ihm die Faxnummer gleich durchgeben. Ich fand die Nummer nicht und bedauerte mit dem Hinweis, dass ich die Nummer per E-Mail zusenden könne. „Nein, nein, rufen Sie mich morgen an. Ich bin zwar nicht da, aber“…er holte Luft und fuhr fort „…aber so kann ich ihre Stimme noch einmal hören“.
Da war es wieder, dieses WUSCH!

Etwas irritiert legte ich den Hörer auf, und hoffte, das der Anrufbeantworter nicht anspringen möge, sondern eine Kollegin oder ein Kollege am Telefon wäre.
Natürlich hatte ich zu früh gehofft und meine Stimme geistert nun seit dem Juni auf diesem Anrufbeantworter herum.

Ich verreiste. Das Telefon läutete sicher, aber ich war nicht da. Aber das wusste er.
Die Dokumente lagen bereit und die Zeit arbeitet für mich. Auf der Reise dachte ich manchmal an den Mann jenseits der Anden und jenseits der Spree, aber die Gedanken verflachten ins Geschäftliche und auch die Rosen des Sommers waren längst verblüht.

Es wurde August. Ich kehrte heim, und in der Zeit tat sich alles in seinem Büro, was zu tun war, um den Grund seines ersten Besuches zur Vollendung zu bringen.
Ich schrieb noch eine e-Mail, um ein abschließendes Gespräch zu führen. Er war nicht im Büro und die e-Mail blieb unbeantwortet.
Ein Freund, der das ganze Geschehen begleitete und den Kauf der Wohnung forcierte, und auch einige Telefonate während meiner Abwesenheit mit dem Mann führte, bot sich an, den Abschluss des Kaufes per Telefonat mitzuteilen und ein angemessenes Besiegeln des Projektes anzubieten.
Ein Essen, eine Einladung, vielleicht ein eigenes Parfüm, extra für ihn kreiert.

Das Telefon läutete. Bei ihm. Auf der anderen Seite der Leitung. Mein Freund teilte sein freudiges Anliegen mit und so ergab sich wohl ein Wort dem anderen und die Unterhaltung dauerte 45 Minuten. Lautes Lachen, leises Kichern. Ich dachte mir leicht verärgert: was schwatzt er so lange mit ihm? Es klang wie ein vertrautes Gespräch unter Freunden, die sich Geheimnisse anvertrauen.

Endlich konnten wir den Champagner öffnen und anstoßen. Ein merkwürdiges Zittern begleitete mich. Im Glas funkelte der Champagner und ich sah eigentlich, wenn ich auf die Oberfläche der Champagnerschale sah, nur zwei schwarze Augen funkeln . Ich fragte meinen Freund, was es denn so lange mit diesem Mann zu kichern gab und dann sagte er mir: „ Ich glaube, bei ihm hat es auch WUSCH! gemacht. Er wurde plötzlich so sentimental im Gespräch. Er meinte, dass es so schade sei, dass mit Abschluss des Projektes der Alltag einkehrte ; er hätte sich gewünscht , miteinander irgendwie in Kontakt zu bleiben. Dieser Abschluss gäbe ihm das Gefühl, er hätte plötzlich etwas verloren “

Es hatte also WUSCH! gemacht. Und ich habe jetzt so ein Gefühl, als stünde irgendwo noch eine halbe Flasche Wein, die darauf wartet, ausgetrunken zu werden.

MAR September 2008

für J. A. Danke für die Inspiration !

November 16, 2008

in memorandum YMA SUMAC

Gespeichert unter: KLANGsprache, zomet WEGkreuzungen — silkandpaper @ 4:53

YMA SUMAC IN MEMORANDUM

Die legendäre peruanische Sängerin Yma Sumac ist tot: Laut ihrer Website starb sie im Alter von 86 Jahren in einer Anlage für betreutes Wohnen in Los Angeles. Berühmt wurde die Sopranistin, deren außergewöhnliche Stimme fünf Oktaven umfasste, in den 50er Jahren in Hollywood. Dort nahm sie den Namen Yma Sumac an, der in der indianischen Quechua-Sprache „wie hübsch sie ist“ oder „hübsches Mädchen“ bedeutet.

1953 spielte Sumac an der Seite von Charles Heston in dem Film „Das Geheimnis der Inkas“. Später war sie auch in Europa erfolgreich. Zum Repertoire des Ausnahmetalents gehörten neben indianischen Liedern auch Opernarien. Einzigartig war ihre Mischung lateinamerikanischer Rhythmen wie Salsa und Mambo mit Jazz- und sogar Rock’n'Roll-Elementen.

Die als Zoila Augusta Emperatriz Chavarri del Castillo geborene Sopranistin trat zunächst mit der Compania Peruana de Arte auf, bevor sie als Solosängerin Südamerika im Sturm eroberte. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Cousine bildete Sumac das Inka-Taki-Trio, das Weltmusik auf hohem Niveau bot.

Laut einem Bericht der „Los Angeles Times“ starb Yma Sumac an Krebs. Beerdigt werden soll sie auf einem Friedhof in Hollywood im Norden von Los Angeles, wo sie in den vergangenen 60 Jahren lebte. Auf die Frage, wie sie gerne in Erinnerung bleiben würde, antwortete die peruanische Diva vor einiger Zeit: „Damit, dass ich gute Musik und Menschen glücklich gemacht habe“.  quelle

 

Yma Sumac verstarb am 4. November 2008 im Alter von 86 Jahren

November 15, 2008

Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !


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Wenn Männer in Bewegung kommen-muss sogar der Kopf herhalten !

Natürlich musste wieder die gute , alte U-Bahn den Hintergrund liefern , um Geschichten entstehen zu lassen, kleine Begebenheiten und Begegnungen. Wo sonst ist man auf so engem Raum beisammen und kann sich ungestört an den Gesichtern der mitfahrenden Gäste sattsehen.

25 Minuten Fahrtzeit bieten schon einen recht schönen Zeitrahmen für einen Einakter, der fast aufführungsreif wäre, ob wegen meiner Begriffsstutzigkeit oder der belustigenden Reaktion des Fahrgastes mir gegenüber, wer weiß.
Station Berliner Straße, der Umsteigehafen für die Neuköllner Richtung , immer auch die passende Gelegenheit, einen Sitzplatz zu ergattern. Wunderbar, gleich in der ersten reihe macht jemand einen Sitzplatz frei und ich packe mich mit Handtasche , Büchertasche und einem etwas dickerem Paket, was zur Post sollte, an die Fensterreihe.
Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann so in den Fünfzigern. Graumeliertes Haar und einen sehr gepflegten grauen Bart. Etwas unruhig rutscht er auf dem Sitz hin-und her und schaut zur decke, zum Boden, auf die Mitreisenden und dann bleibt sein Blick auf mir stehen. „was meinen Sie ? Ibo gut? “ Am Akzent höre ich , das er kein geborener Berliner ist. Ibo, das ist ein mir geläufiger Name , den ich mal hier und mal da gehört habe, Simones Mann heisst Ibo, also gehe ich in diesem Moment davon aus, das der Mann Türke ist, und die geläufige Koseform benützt.

Ich schaue ihn ganz irritiert an und antworte ( man will ja nicht unhöflich sein) , das ich nicht wüsste, ob Ibo gut sei, denn ich kenne Ibo nicht. “ Du Deutsche bist, oder? Ich habe fragen alle Leute und keiner kennt Ibo! “ Ich entschuldige mich höflich und sage, das ich ihn heute zum ersten Mal sehe und bin etwas belustigt über den Fortgang der Unterhaltung. Mittlerweile schaut der Nachbar von der anderen Seite auch schon in unsere Richtung…
„Ja, aber alle Leute von Laden haben gesagt, Ibo das Beste und ist gut und ich nicht verstehe, warum keiner Ibo kennt.“

Ich glaube in meinen Augen zeigte sich schon ein Anflug von Heiterkeit, denn ich mutmaßte, das er vielleicht aus gekränkter Eitelkeit heraus nun volle Unterstützung für sich und seinen edlen Charakter suchte- ausgerechnet in der U- Bahn, wo die Leute meist genervt oder sich gestört fühlen, wenn man was von ihnen will.
Ich mache dem Gespräch ein Ende und meinte zu ihm, das ich nicht verstehe, was er von mir will.
Kaum gesagt, steht er auf und fährt mit seiner Hand in die Hosentasche. Er wühlt und sucht und zieht ein Päckchen heraus. Ein kleines, weißes mit der Firmenaufschrift : Pharma. “ Du gucken, hier, alle sagen Ibo gut und du nicht kennen ? „

Ich schaue auf die Packung und lese die großen Buchstaben IBU und etwas kleiner gedruckt : Ibuprofen .
Ich musste plötzlich so breit lachen – er meinte Tabletten!
Ich versicherte ihm, das ich Ibuprofen kenne und das es Tabletten gegen Schmerzen seien. “ Ja, ich wissen, Frau aus Laden hat gesagt, sehr gut. Was denken du? “ Ja ich sage ihm, das ich gute Erfahrung mit Ibuprofen hatte und er diese ohne Sorge nehmen kann.
“ Ja , ich Kopfschmerzen jetzt haben. Frauen mir immer Kopfschmerzen machen“.
Ich liege innerlich fast flach vor Lachen auf dem Waggonboden. Ich war mir gar nicht bewusst, das man, wenn sich mit mir unterhält, immer IBU bei der Hand haben muss…

GEHeimnis

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massada1

Geheimis

Du wirst nie mein Geheimnis aufbrechen,
tief verschlossen, wie im Inneren die Nacht.
Nie den Seelengrund erschauen
nie dem eigenen Wort vertrauen
sondern nur der Gast an meiner Türe sein, der lacht.

Losgelöst die ganzen Schnüre , das Geschenk,
was meine Worte locken sollte, bricht das Schweigen.
Und Du suchst Dich in den Zwischenräumen,
und beginnst, ein Leben zu erträumen,
und im Reden deinen Kopf zu neigen.

Wie ein Schiff, so sinkt das Bild von mir ins Uferlose,
Blass und ungehalten gehst Du fort aus diesem Raum.
Fetzen fliegen auf und legen sich auf Tischen
eine Hand wird den Moment wegwischen
wie am Morgen Deine Hand den müden Traum.

Immer wieder wird es sein, das ich so vor Dir stehe
und ich bin doch fern, noch ferner als Dein Blick.
Und so lang in Deinen Augen Fragen leben
und die Angst vor all dem wesentlichen Geben
kehre ich zwar heim, doch nie zurück.

mar 2008

ABreise

Gespeichert unter: DER mensch als fremder ORT, sprach-RÄUME lyrik — silkandpaper @ 6:37

 

 

hand


Abreise

Wenn der Moment stehenbleibt,
wenn er an den Mauern haftet,
und an den Erinnerungen
und aus den Nebel schweigend steigt-

dann ist es wie neu geboren sein,
man denkt: wo ist die Zeit dahin,
die mir am Körper war wie schwerer Tand
und eigentlich nur blasser Schein…

ein Schatten schiebt sich über die Minute
und alles wird hinweggewischt
was nie gebraucht und überflüssig war
und nur als Gast auf den Gedanken ruhte…

Nimmt der Moment mich wirklich immer mit
auf seinen vielen Endlosreisen?
Sind die Stunden zu wenig? Der Augenblick zu schnell?
Ich halte mit der Zeit nicht mit.

Die Unruhe schweigt und keine Feder schwingt.
ich bleibe stehen, wie die Bahnhofsuhr,
der Kofferträger trägt meinen Tag nur für Sekunden
die Türe schließt. Der Zug fährt ab. Das Leben singt.

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